Cécile Hammel-Brun wurde 1950 in Au im St. Galler Rheintal geboren und ist in St. Margrethen aufgewachsen. Nach dem Handelsdiplom und Wanderjahren im In- und Ausland kehrte sie als junge, verheiratete Frau ins Rheintal zurück. Heute lebt sie als freischaffende Texterin und Korrektorin in Heerbrugg. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Seit 1983 erscheinen Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Sammelbänden und Literaturzeitschriften, u.a. in der Frankfurter Bibliothek sowie auch im St. Galler Literaturband „Bäuchlings auf Grün“. Im Jahr 2000 erschien ihr Roman Zwischenlicht, gefolgt von der Erzählung Dein Lächeln in meiner Seele. |
Willkommen auf chbuch, meiner Homepage! Gerne lade ich Sie ein zum Stöbern und Schnuppern, zum Lesen und Verweilen. Nebst den Buchbeschreibungen und meinem untenstehenden "Gedicht bzw. Geschichte des Monats" finden Sie unter "Gedichte und Geschichten" weitere Leseproben: Heiteres, Besinnliches, Augenzwinkerndes, Anregendes, Vertiefendes - Wer sich einlässt, wird eingelassen...
Ich wünsche viel Freude dabei und danke herzlich für Ihren Besuch und Ihr Interesse.
Cécile Hammel-Brun
Der kleine Stern - eine Weihnachtsgeschichte
Es war einmal ein winzig kleiner Stern am grossen Himmelszelt. Zufrieden mit sich und seinem Sternendasein drehte er sich in seiner Laufbahn und sandte sein Licht ins All; dies war ihm Aufgabe und Bedürfnis zugleich. Doch auch in der Unendlichkeit verändern sich die Dinge und irgendwann begann der kleine Stern, sich Fragen zu stellen: Wie war er an diesen, seinen Platz gekommen? Wer war er überhaupt? Und wohin ging sein Licht, das immerfort aus ihm ins Weite strahlte? Um ihn herum war nichts als unüberschaubare Finsternis, und er kam sich zunehmend unbedeutend und unwichtig vor. Sein Licht war nicht mehr als ein winzigstes Pünktchen im Dunkel des riesigen Universums, kaum grösser als ein Stecknadelkopf, ganz gleich, wie sehr er sich bemühte, zu leuchten und zu strahlen. Was hatte es also für einen Sinn, sich so anzustrengen? Über all diesen Gedanken und Fragen fiel der kleine, namenlose Stern in eine tiefe innere Unruhe. Er fühlte sich plötzlich sehr einsam und verlassen. Mehr und mehr war er davon überzeugt, dass niemand ihn wahrnahm und er sein Licht ins Nichts verschwendete.
Darüber wurde der kleine Stern sehr traurig und diese Betrübnis dämpfte zusätzlich sein Licht, das zwar unentwegt in seinem Innern brannte, aber nun noch weniger den Weg nach aussen fand.
Was der Stern allerdings nicht wusste war, dass nichts und niemand im Universum unbeachtet bleibt oder gar vergessen geht. Es gibt einen Ort, wo alle Fäden zusammenlaufen und jede Regung, jeder Gedanke und jedes Gefühl in grosser Liebe wahrgenommen werden. Denn alles, was das Leben in seinen unendlichen Formen, seiner unfassbaren Vielfältigkeit hervorbringt, sendet unsichtbare Signale zu dieser grossen Quelle der Liebe.
Als nun die Zeit anbrach, wo auf einem Planeten namens Erde der Messias geboren werden sollte, bemerkte auch der kleine, traurige Stern plötzlich, dass sich um ihn herum etwas veränderte. Eine ungewohnte Kraft hüllte ihn ein und zog und zerrte an ihm. Als er sich verwundert umsah, erblickte er vor sich eine grosse, wunderschöne Gestalt, die in allen Regenbogenfarben schillerte. Sie beugte sich über ihn und strich sanft über seinen Sternenkörper. Und eine Stimme, die das ganze Universum er-füllte, sagte: „Du sehnst dich seit langem danach, die Wirkung deines Lichts zu erfahren. Du willst wissen, wer du bist und was du bewirken kannst. Du bist zu dir selbst erwacht und die Kraft deiner Sehnsucht ist so gross, dass sie mich herbeigerufen hat. So sei es also, dass du einen Schritt weitergehst; ich habe eine neue Aufgabe für dich!“
Bevor der kleine Stern einen Gedanken fassen konnte, fand er sich wieder über einem grossen, blauen Planeten, so nahe, dass er beinah dessen Anziehungskraft spürte und sich besorgt ein wenig höher schwang. Doch dann wurde ihm bewusst, was diese Nachbarschaft bedeutete: Sein Licht musste von diesem Planeten aus wahrgenommen werden, und je mehr er sich anstrengte und leuchtete, desto wahrscheinlicher würde er bemerkt werden.
Ein mächtiges Glücksgefühl beflügelte den kleinen Stern. Aufmerksam spähte er auf die riesige blaue Erdkugel und beschloss, sich auf eine Stelle zu konzentrieren, die ihm besonders geeignet erschien. Denn dort, mitten in einem grossen Feld stand ein kleiner Stall, eingehüllt in ein unbeschreiblich schönes Farbenmeer; es waren dieselben herrlichen Farben, die er zuvor an der Himmelsgestalt wahrgenommen hatte. Es war dem kleinen Stern, als ob dieser Ort ihn zu rufen schien.
Als die Nacht aufzog und das Licht auf der Erde erlosch, machte sich der kleine Stern auf den Weg. Er wollte dort, genau über dem Stall, seine ganze Kraft in einen goldenen Lichtstrahl bündeln und über dem Gebäude aufleuchten lassen. Er wollte mit seinem Licht bezeugen, dass dort Wundersames vor sich ging. Der Stern vergass alles um sich herum; zum ersten Mal seit langer Zeit, in der sich seine Gedanken nur um seine eigenen Nöte gedreht hatten, vergass er sich auch sich selbst. Er wollte – ganz von innen heraus – nur noch Licht und Freude sein.Und über seiner Hingabe geschah es: Die Hirten in der weiteren Umgebung erwachten, sahen einen grossen, lichtfunkelnden Stern am Himmels-zelt und fielen staunend in die Knie. Ein tiefer Friede erfüllte ihre Herzen und voller Freude folgten sie dem herrlich leuchtenden Stern zum Stall von Bethlehem.
So wurde aus dem kleinen, namenlosen Stern der grosse, helle Stern von Bethlehem, in dessen kraftvollem Licht Jesus von Nazareth geboren wurde und von dem die Menschen auch heute noch, 2000 Jahre später, erzählen und berichten.
|