Cécile Hammel-Brun wurde 1950 in Au im St. Galler Rheintal geboren und ist in St. Margrethen aufgewachsen. Nach dem Handelsdiplom und Wanderjahren im In- und Ausland kehrte sie als junge, verheiratete Frau ins Rheintal zurück. Heute lebt sie als freischaffende Texterin und Korrektorin in Heerbrugg. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Seit 1983 erscheinen Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Sammelbänden und Literaturzeitschriften, u.a. in der Frankfurter Bibliothek sowie auch im St. Galler Literaturband „Bäuchlings auf Grün“. Im Jahr 2000 erschien ihr Roman Zwischenlicht, gefolgt von der Erzählung Dein Lächeln in meiner Seele.


Sich selbst in den andern erkennen
und die andern in sich selbst wiederfinden,
öffnet ganz neue Perspektiven.


 

 

Memorandum (für G.M.)

Zwischenwelt am 
Sterbebett - losgelöst
von Zeit und Raum
trägt das Pendel 
den vergessenen Klang
in ihr Verweilen.

Sie hält meine Hand
mit festem Griff, doch
ihr Blick, nurmehr flüchtig
nimmt Eigenes wahr.
Innerstes, nur ihr 
zugänglich, glättet 
dem Weg die faltige Spur
und ihr Mund, im 
Wechselbad der Gefühle
spricht nicht zu mir.

Beharrlich, raumfüllend 
ihr wiederkehrendes "Warum?" 
Fadenlauf ungezählter Fragen
eingestrickt in 
Genutztes und Versäumtes
und nun, aufbrechend
Masche für Masche 
hinübergeknüpft 
in das sie Umfangende 
sich Verdichtende. 

Und dann
unvermittelt, glasklar
ihr letzter Wunsch an mich: 
"Sing mir... Stille Nacht".

 

Klangbruch 

Rheinwiesen dämpfen den Schritt der 
Frau, den vorsichtig zögerlichen. 
Sommeratem, weich und warm, ruft 
ihren Blick ans helle Ufer und die Last 
schläft besänftigt im Gepäck. Nahtlos 
reiht sich ein, was ins Verweilen unter 
Verweilenden drängt. 

Sonnabendidylle am Rheinriedsee. 

Unvermittelt - der Bruch im Kopf der Frau. 
Reisst die lauschige Welt in den Schrei. 
Splitternde Wortfetzen von Verderben und
Verdammnis peitschen ins Sommerflirren 
auf der Rheinwiesen.
Gehetzt von Tuch zu Tuch 
steigert sich die Qual der Frau 
zu einem credo quia absurdum.

Armageddon auf Kreuzzug am Sonnenhain 
und Betroffenheit, da und dort, 
die ein Bad im See 
nicht zwingend vertreibt.



 
Vertraut - Fremd

Das Vertraute gehört uns.
Das Fremde ist das Ihre.
Ihnen Vertrautes ist unser Fremdes.
Ihnen Fremdes ist uns vertraut.

 

Abgründe, Schluchten, Kluften
zwischen Vertrautem, das sich fremd ist,
und Fremdem, dem keiner traut.

Wir könnten eine Brücke bauen,
die verbindet
wie der Regenbogen,
wie die Vögel,
die auf beiden Seiten
ihre Lieder singen.

Wir könnten eine Brücke bauen
und das Fremde ins Vertraute holen.
Möglich wäre es...





Geburtstagswünsche

Ich wünsche dir
viele wichtige Kleinigkeiten:
Ein Lächeln, das dich berührt.
Ein offenes Ohr, das dir zuhört.
Ein aufmunterndes Wort
im rechten Augenblick.

Ich wünsche dir
immer wieder Zeit,
deine Tiefe zu erforschen,
mit dir in Einklang zu kommen,
die Stimme deines Herzens zu vernehmen.

Ich wünsche dir
Stunden der Freude ebenso
wie die Behutsamkeit der Stille,
wünsche dir
viele Glücksmomente
und die Gewissheit,
behütet und getragen zu sein
in allem,
was dir begegnet.


 


Fettnäpfchen

Habe nicht bedacht
in der Hitze des Gefechts,
dass die Welt für dich
eine andere Farbe hat
und meine Suppe nicht
auf deinem Feuer kocht.

Hätte wissen müssen,
dass, was mir rund,
dir ein Rechteck ist,
du nicht verstehst,
warum ich wie was tu.

In meinem Eifer zu gefallen,
zog ich einmal mehr
an der falschen Schnur,
zog statt den Fisch
den Schuh an Land.

Ich geb ihn
zu den andern
in die Reihe
und stell dir
ein neues Näpfchen
ins Fett.



Berggang

Neben dem Pfad
hangwärts eine Spur.
Versteinerte Tränen, fort-
gespült an ein Fremdes.
Das Schuhwerk tritt fester.
Eine Dohle stürzt sich
in ihren Schrei.

Fels an Fels verharrt.
Daneben die Zeichen
das Bröckeln, der Schlag.
Das Nagen an Unbedachtem.

Abseits, abgründig
kahles Gelände.
Schafsmahl verstreuter
Wollebündel.
Ihre Tage neigen sich
ins Messer.
Winterwärts
treibt Schnee
ins Blut.

Die Spur bricht.
Der Berg harrt.
Das Fremde nähert sich
und bleibt.

         aus "Im Aufwind der Zeit", Gedichte



Die Konferenz

Sie sitzen und sie schwitzen,
sie reden und erhitzen
Gemüter, Kopf und Kompetenz
am runden Tisch der Konferenz.

Sie diskutieren, disputieren,
aktivieren, optimieren.
Und endlich dann befriedigt sie
der Kompromiss der Strategie.

Das Neu-Projekt löst den Defekt,
der allen eben noch suspekt –
nur bringt es leider unbequeme,
neue Krisen und Probleme!

In diesem Vorgehn liegt viel Sinn,
denn läge stets die Lösung drin,
dann gäb es bald nichts mehr zu tun -
und welcher "Macher" will schon ruhn!

Der menschlich Geist ist wahrhaft gross,
schafft sich Konflikte mühelos.
Doch Gottseidank gibt’s Konferenzen,
wo helle Köpfe alsdann glänzen...

    aus "Queerbeet", Gereimtes und Ungereimtes



Knacknuss

Oberflächlich betrachtet
bist du unausstehlich,
launisch und rechthaberisch,
und ich müsste jedem raten,
dir aus dem Weg zu gehen.

Doch da ich mich aufmachte,
die Kruste
von deiner Schale
zu kratzen,
fand ich dahinter
so manch liebenswerte Züge,
dass ich mich
zu gegebener Zeit
wohl ein zweites Mal
auf das Unterfangen
einlassen werde -
allein um der Aussicht willen,
auch noch
die Schale selbst
zu knacken.






Die Lehrstelle

Die Absage kam ganz unerwartet. „Alles okay, Junge“, hatte der Personalchef gesagt, „nächste Woche schicke ich dir die Unterlagen für das Prozedere.“

Lukas hatte diese Worte und das vielversprechende Lächeln, das es begleitete, ganz klar als mündliche Zusage der Lehrstelle verstanden und dies auch freudig zu Hause, in der Schule und im Kollegenkreis verkündet. „Eine Lehrstelle – ich habe eine Lehrstelle als Polygraph! Wie ich es mir gewünscht habe! Und erst noch in jenem Verlag, wo die Schnupperwoche einfach sensationell war!“ Er hatte die Umarmungen der Eltern und die Gratulationen der Kameraden voller Freude über sich ergehen lassen und mit grosser Erleichterung registriert, wie sich das diffuse, unsichere Zukunftsgefühl, das ihn monatelang beherrscht hatte, in Luft auflöste, einfach zersprang wie eine Seifenblase.

Und nun dies. Ein kurzer Brief, ein paar bedauernde Zeilen, dass leider ein anderer der vielen Kandidaten das Rennen gemacht habe, beendet von der üblichen „Gute-Wünsche-Floskel“. Fassungslos warf er das Schreiben auf den Tisch, zerknüllte den Umschlag, den er immer noch in den Händen hielt, zu einem knisternden Papierball.

Was nun? Sollte er dies einfach so hinnehmen? Hatte er die Aussagen des Personalchefs wirklich derart falsch interpretiert? Er schloss die Augen und vergegenwärtigte sich minuziös die Situation vom vergangenen Donnerstag. Angespannt und zugleich erwartungsvoll hatte er dem Mann in seinem Büro gegenüber gesessen. Der hatte ihm ein breites, wohlwollendes Lächeln geschenkt und nochmals kurz die Bewerbungsunterlagen durchgeblättert. Dann hatte er die ausführliche Beurteilung des Betriebsleiters hochgehalten und genickt. „Gute Bewerbung und überzeugender Schnuppereinsatz. Hast prima Arbeit geleistet, Lukas, gratuliere“, hatte er gesagt. „Du weisst ja, wie begehrt diese Lehrstelle ist. Nun, junger Mann, dann freue ich mich...“, das Klingeln des Telefons hatte den Chef unterbrochen. Offensichtlich handelte es sich um ein akutes Problem. Nach kurzem Horchen mit zusammengezogenen Augenbrauen hatte der Mann „bin schon da!“ in den Hörer gebellt und sich vom Stuhl erhoben. „Sorry, ich muss unser Gespräch leider abbrechen, etwas Unvorhergesehenes. Aber in deinem Fall ist ja alles okay, Junge.“ Und dann der ominöse, bürokratische Satz: „Nächste Woche schicke ich dir die Unterlagen für das Prozedere.“

Ja, so war es gewesen, ohne Zweifel die mündliche Zusage, dass er aus der Reihe der Beweber ausgewählt worden war und die Lehrstelle erhalten würde.

Ein kurze Weile stand Lukas noch bewegungslos vor dem Tisch, dann raffte er den Brief an sich und stopfte ihn in seine Schultasche. Er würde nach der Schule einfach in jenem Verlag vorbeigehen und den Mann aufsuchen. Dieser Personalchef sollte ihm ins Gesicht sagen, weshalb er die Stelle nun doch nicht erhielt. Und als Kind, das man mit leeren Floskeln abspeist, würde er sich nicht behandeln lassen! Er wusste, was er an jenem Donnerstag gehört hatte.

Kurz nach fünf Uhr stand Lukas vor der Sekretärin im Vorraum des Personalbüros. Die Frau schüttelte den Kopf. Der Chef sei in einer Sitzung und dürfe nicht gestört werden. Er solle morgen wiederkommen oder, noch besser, vorher anrufen, dann sehe man weiter. Wortlos drehte Lukas sich um und ging zurück in den Korridor. Er hatte dort in einer Nische eine kleine, versteckte Sitzecke gesehen; da liess er sich nun nieder, und zwar so, dass er die Bürotüre im Auge hatte, ohne gleich selbst entdeckt zu werden.

Aufrecht sass er da, seine Schultasche auf den Knien, und wartete. Gegen sechs Uhr öffnete sich die Tür zum Personalbüro und Lukas erspähte den Betriebsleiter, der ihn während seiner Schupperwoche betreut hatte, gefolgt vom Personalchef. Die beiden Männer traten in den Korridor, dann drehte sich der Betriebsleiter unvermittelt um. „Ach ja, noch etwas“, sagte er. „Hat der Junge, ich meine Lukas Weber, den Lehrvertrag schon unterschrieben?“

„Lukas Web..? – Ach so, das hätte ich beinah vergessen.“ Der Personalchef fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Am Freitag erhielt ich einen Anruf vom Verleger persönlich. Er hat die Lehrstelle ohne Rücksprache mit uns vergeben. Du weisst schon, Beziehungsgeflechte. Einer der Bewerber im mittleren Beurteilungsraster ist der Sohn eines Geschäftsfreundes, dem er noch was schuldig ist. Dumme Sache, ja, aber was sollte ich machen? Ich weiss, du wolltest diesen Lukas, aber wenn der Oberboss mitmischelt...“
Der Betriebsleiter unterbrach ihn mit einem zornigen Ausruf: „Aha! Und wer ist das Bürschchen, das uns da untergejubelt werden soll?“
„Es handelt sich um Richard Vo...“ 
„Alles klar – verwöhnt, bequem, arrogant! Da spiel ich nicht mit, das sag ich dir!“
Der Personalchef hob abwehrend die Hände. „Nun sei mal nicht gleich auf hundert, ich...“ der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken, denn wie aus dem Nichts stand Lukas Weber vor den beiden Männern.
 
„Am Donnerstag hab ich von Ihnen grosses Lob und eine mündliche Zusage für die Lehrstelle erhalten“, sagte der Junge mit klopfendem Herzen, aber fester Stimme zum Personalchef. „Und nun sagen Sie mir mit diesem Brief ab.“ Er hielt das Blatt hoch. „Einfach so, ohne Erklärung. Das kann ich nicht akzeptieren. Ich habe ein Recht auf eine Begründung!“
„Wie kommst du... ich meine... hast du uns etwa belauscht?!“, fuhr der Mann auf, dem nach der ersten Verblüffung die Peinlichkeit der Situation bewusst wurde.
„Ich habe nur gewartet, dort in der Ecke, weil ich Sie wegen dieser Absage sprechen wollte“, sagte Lukas. „Da Sie so laut geredet haben, musste ich zwangsläufig mithören.“

„Ein Lukas Weber gibt so schnell nicht auf, was?“ Der Betriebsleiter legte dem Jungen die Hand auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Dann wandte er sich an den Personalchef. „Ich habe mich in dem jungen Mann hier ganz offensichtlich nicht getäuscht und er ist nach wie vor mein Kandidat. Wie du das Problem mit dem Boss löst, ist deine Sache. Auch eine mündliche Zusage hat Gewicht, das muss selbst der Verleger einsehen. Und hier ein Vorschlag zur Güte: Falls es nicht anders geht, schaffen wir ausnahmsweise halt eine zweite Lehrstelle für nächstes Jahr.“
Er wandte sich an Lukas. „Was ich vorhin über deinen Mitbewerber gesagt habe, war nicht objektiv, weil vom Ärger beherrscht. Er soll seine Chance bekommen, genau wie du. Alles klar, Lukas Weber?



Ursache und Wirkung

Ein blankpolierter, barocker Schreibsekretär war – als antiker Kontrapunkt – im ultramodernen Salon einer Villa zwischen auserlesenen Designermöbeln gelandet.

Nun stand er in dieser Glas-Metall-Marmorwelt und wunderte sich. Allerdings nicht lange. Er realisierte bald, dass die seltsamen Mitbewohner sich scheu zurückhielten; fast schien es, als sei er ihnen seinerseits nicht ganz geheuer. Da er dies als Zeichen von Respekt wertete, war es ihm recht. Dem „jungen Gemüse“ würde er eine Menge beibringen können. Schliesslich hatte einst, vor langer Zeit, ein grosser Denker bei unzähligen philosophischen Abhandlungen seine Dienste beansprucht. So ein Erbe verpflichtet!

Es dauerte in der Tat einige Tage, bis die Salonbewohner im Neuankömmling einen Vorfahr ihrer eigenen Spezies erkannten. Sie hatten ihn erst für einen Ausserirdischen gehalten und waren auf Abstand gegangen – besser abwarten, welch unmöbliche Manieren dieses ET-Monstrum einzuführen gedachte... Als aber das Multimediaregal sich eines Morgens lautstark über die Vibrationen beklagte, denen es im harten Stereosound täglich ausgeliefert war, räusperte sich der Sekretär väterlich-wohlwollend: „Was du erfährst, ist die Wirkung einer Ursache,“ dozierte er. „Ändere die Ursache, lieber Freund, und du wirst eine andere Wirkung erleben, mpf!“

Das Regal war beeindruckt. Endlich jemand, der seine Klagen ernst nahm. Es bedankte sich für den Rat und verfiel in stilles Nachdenken.

An diesem Tag knirschte und klirrte es verdächtig oft in jener Ecke, in der das Glasmöbel stand. Abends traute der Hausherr seinen Augen nicht: Das Regal sah aus, als hätte ein wohldosierter Hammertanz auf ihm stattgefunden. Sämtliche Hochglanztablare waren zu trübem Milchglas mutiert.

Der neuen Ursache Wirkung folgte auf der Hand: Das Regal wurde ausgemustert und landete im ruhigen Büro einer ärmeren Verwandten. Die Stereoanlage mit ihrem durchschlagenden Sound aber fand auch einen neuen Platz: Als moderner Kontrapunkt auf dem ehrwürdigen Sekretär – mpf...



...und dreh mich mich Kreis

Wissen und Tun
sind zweierlei Schuhe
Ich weiss, was ich tue
und tu nicht, was ich weiss.

Wollen würd' ich schon
und sollen müsst' ich auch.
Ich sitze auf dem einen
und setze es nicht um.

So dreh ich mich im Kreis
und sehne mich
weiss nicht nach was -
Dilemma nennt sich das!



Nur ein Spiel

Du schenktest mir
kurzzeitig
ein altvertrautes Gefühl,
du weisst schon,
jenes Kribbeln -
halb noch Zögern,
halb schon Einvernehmen.

Als wir später
an der Fenstertür standen,
floh ich behende in den Garten -
ein wenig Distanz, sagt man,
verlängert die Nähe...
Dies anzuzweifeln,
blieb uns beiden unbelassen.

Es war ein Spiel,
eine zugeworfene Münze,
die, ohne Zahl zu bekennen,
in den Schacht gerollt.
Nichts als ein Spiel,
das keinen verletzt
und alles
beim Alten belässt.


Gedichte teils aus den Bänden 
"Im Aufwind der Zeit", "Lust auf Leben"





Eine Säule in der Suppe

Buchstaben bruzzeln in der Brühe. Suppenkaspar rührt und brütet. Er weiss nicht mehr, wann er angefangen hat. Vor endlosen Zeiten. Er weiss auch nicht, wann es ein Ende nehmen, ob die Suppe je geniessbar wird. Er hat sich daran gewöhnt, zu rühren und nicht zu wissen. Zu rühren, obwohl (weil?) er nicht weiss.

So schwingt er die Kelle in der Suppe hin und her, bebrütet die Brühe und schweigt. Die Buchstaben purzeln auf und ab, übereinander, untereinander, drehen sich um die eigene Achse, tanzen in den Wellen, wirbeln im Schwung der Kelle - plötzlich rotten sich einige zusammen: SCHR  -  Abstand  -  BEN. Suppenkapspar hält inne und staunt. Das ist neu. Silben, ja, Silben haben sich schon oft gebildet, AB, GE, UN ... Silbenliebenspärchen im Gleichschritt für die Dauer einer Umarmung, ausgesetzt der Willkür seiner Kelle. Aber dies hier ist beinah ein Wort, beinah eine Aussage. Und da er nicht mehr rührt, bleibt sie, leise schaukelnd, liegen. SCHR    BEN. Sachte schiebt Kaspar einen nahegelegenen Vokal in die Lücke. SCHR E BEN. Er stutzt - etwas blitzt auf in seinem Kopf. Seine Augen fliegen suchend über die Suppenbrühe. Da, in unmittelbarer Nähe, zu Füssen des SCH, tänzelt er, der letzte, der rettende, alles vervollständigende, alles verändernde Buchstabe. Ein Strich nur, ein Fadenstrich, und doch eine Säule in der Suppe! Hoffnungsträger unabschätzbarer Möglichkeiten... Sachte, beinah zärtlich bewegt Kaspar seine Kelle, schübselt und schiebt das Buchstäbelchen in die schmale Lücke – vollbracht! In feinen Bewegungen zitternd, aber klar und deutlich schwimmt das Wunder einer Aussage in den Wellen der Suppe: SCHREIBEN. Ein Wort!  Eine Aufforderung!

Suppenkaspars Gedanken überstürzen sich. So fängt es an: einBuchstabe-eine Silbe-einWort-einSatz-eineKette-eineLawine... 

Worte ernähren sich von Buchstaben und Silben und nähren ihrerseits Sätze. Sätze können aber auch musiziert, abgezählt, gespielt und gesprungen werden. Sätze setzen Zeichen. Herrschen über Spiel und Sport, Worte, Werte und Werke, Zahlen und Zinsen. Sätze messen, ergänzen, beschränken, beflügeln, verdammen und beglücken. Sätze entscheiden über Leben und Tod. Sätze sind allgegenwärtig. Teilen auf, ein, unter. Tanzen Träume. Kräuseln, bewegen, verändern Luft. Luftsprungsätze bezirzen die Welt. Und sie bewegt sich noch immer! 

Ein Buchstabe machts möglich. Suppenphilosophie: Alles hängt an einem Strich.
Einem Fadenstrich. Herausgefischt aus der Brühe.
Suppensäule.
Weltsuppentragsäule.
Am Anfang war das Wort.
Und es begann mit einem Strich –

Trotzalledem: Ein Satz ist ein Satz.
Da gibt es nichts zu rütteln.
Und ein Satz verschlingt Buchstaben.

Buchstaben, Vokabeln allenthalben in Suppen und Silben, in Spielen und Sätzen, in Symphonien, Schrauben und Sprüngen; Sprünge in  Schalen und Gehirnen, im Asphalt und in Wänden. Gebäude und Strassen von Worten gesäumt, mit Vokablen gepflastert, Wortwege ohne Wegweiser, die ganze Welt auf Buchstaben reduziert, lockend, sirrend: Heisch mich, fass mich, greif mich, vielleicht füg' ich mich, vielleicht narr' ich dich...
Suppenkaspar  
brütet
         über
               der 
                    Brühe.

Nicht rühren soll er, sondern schreiben. Buchstabensuppe schreibend ausschöpfen.
Soll er. Muss er. Die Suppe überleben. Leben über der Suppe. Zwingend. Das, zumindest, weiss er nun. Also schreibt er, nährt den aufgeflammten Hunger. Buchstabe um Buchstabe holt er heraus, fügt sie zusammen. Suppenvokabeln. Suppenluftsprungvokabeln.
Weltsuppenbuchstabensprünge. Gebären Worte, immerzu, dumme und gescheite, feurige, schlüpfrige, hinterlistige, scharfsinnige, abwegige, bissige, originelle, fade, griffige; Haupt-, Neben-, Über-, Unterworte rotten sich zusammen, Herdentrieb auch hier. Lieber gemeinsam als allein.

Und die Sätze wachsen, fressen sich in die Seiten, verschlingen Papier und Tinte, füllen Zeitungen, Journale und Bücher, beschäftigen Computer- und Druckmaschinen-Industrie, gefrieren in eisigem Wirtschaftsstreben, vermehren Strassen, geschiente, luftige, asphaltierte, beherrschen Tage und Nächte, Gedanken und noch vorhandene Gefühle. Gierend schwellen sie an, blähen sich auf, bauen Autobahnen, Hoch(hinhaus)häuser, Einkaufszentren, Vergnügungspaläste, manche auch nur einen Pool im Garten oder eine Zweitgarage, schmälern, wo es fehlt, um zu bereichern, wo es hat und und... Suppenkaspar stöhnt, schwitzt, füttert die Unersättlichkeit, schreibt und füttert, füttert und schreibt bis die Sääätzeee platzen, aus den luftigen Schlössern fallen, aus allen Wörtern kugeln, aus jewelchem Sinn. Zerfallen zur Bedeutungslosigkeit.

Fadenstriche in trüber Brühe.

Und Suppenkaspar weiss noch immer nichts – ausser dem Einen.

Also duldet er und schweigt, beisst auf die vergoldeten Zähne, sammelt die Reste, Halbes, Zerrissenes, Verkohltes, Zerfetztes, und schreibt und schreibt. Wird dünn, dünner, am dünnsten, wird Strich, Komma, Punkt. Wird Leere, Weite, Tiefe, gräbt sich hinein in den Sinn zwischen Punkt und Nichts ... und wird fündig, erstmals, unerwartet, unglaublich, ad absurdum findet er. Findet im Nichts, was er nicht suchte, findet nichts, was er suchte, und endlich schöpft er die Suppe aus - bis auf den Grund.